FAQ Polybeziehungen

Stellt euch vor, Person 1 und Person 2 laufen sich zufällig auf der Straße über den Weg und folgendes Gespräch kommt zustande:

Person 1 : Oh, hallo, schön dich zu sehen, was machst du heute so?

Person 2: Ich geh mit meinen Partner*innen ein Eis essen und du?

Person 1: Ach, spannend. Sag mal, schlaft ihr dann eigentlich auch alle 
          miteinander?

Innerhalb weniger Sekunden ist das Gespräch von belanglos zu intim und von smalltalk zu Sexleben gerutscht. Menschen in Polybeziehungen machen häufig genau diese Art von Erfahrung, immer und immer wieder aufs neue. Beim Eis essen, spazieren gehen, in der Sauna, beim Bier trinken in einer großen Runde von Menschen oder auf einer Party zwischen Musikanlage und Tür. Plötzlich und unverhofft ploppen sie auf. Neugierige Fragen. Dabei fragt niemand danach, ob die Frage gerade angebracht ist oder die andere Person überhaupt darüber reden möchte.

Dabei sind Fragen so wichtig. Sie können neue Impulse setzen, dabei helfen sich weiter zu entwickeln oder Veränderungen anstoßen. Deswegen mein Appell: Fragt bewusst! Häufig wird beim fragen nämlich vergessen, dass es wichtig ist, wem die Frage gestellt wird und wie sie formuliert ist.

Um Antworten auf Fragen zu bekommen muss nicht immer die erste Begegnung mit einer Person die „live“ berichten kann ergriffen werden. Und vorallem ist es wichtig sich zu fragen, was man mit der Frage eigentlich herausfinden will. Möchte ich Tipps oder Hinweise erhalten? Will ich die Person besser kennenlernen? Oder ist es pure Neugierde? Für letzteres habe ich eine Liste von Fragen erstellt, die die meisten frequently asked questions abdeckt, ohne Menschen vermutlich zum 128-igsten Mal die gleiche Frage zu stellen und euch außerdem die Möglichkeit bietet, einen ersten Eindruck über Polybeziehungen zu erhalten. Gleichzeitig findet ihr Tipps wie manche Fragen besser gestellt werden können, ohne unerwartet intimes Terrain zu betreten und möglicherweise ein Gespräch zu führen, was über reine Neugierde hinaus geht.

Denn die Devise lautet: Nur weil jemand mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führt, ist das noch lange kein „all you can ask“ Freifahrtschein für deren Privatleben.

Bist du nicht eifersüchtig?

Ähnlich wie danach zu fragen, ob Menschen zu irgend einem Zeitpunkt sterben, denn das tun sie gewiss, ist diese Art von Frage überflüssig. Natürlich sind alle Menschen zu irgend einem Zeitpunkt eifersüchtig. Monobeziehungen sind kein magisches Schutzschild vor dem Gefühl von Eifersucht und ich kenne keinen Menschen, der von sich behaupten kann, dass er noch nie eifersüchtig war, selbst wenn er in einer Polybeziehung ist. Eifersucht ist sogar wichtig. Warum? Weil sie die Spitze des Eisbergs ist. Sie ist der Moment in dem einem klar wird, dass tief in einem verborgene Ängste, Unsicherheiten, Zweifel etc. liegen. Eifersucht deutet in all ihrer Komplexität auf etwas hin und bietet einem so meistens zum aller ersten Mal die Gelegenheit sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Anders gefragt: Darf ich dich fragen, wie du mit Eifersucht umgehst? Hast du Strategien/Hinweise, die du mir empfehlen kannst?

Kennen sich deine Partner*innen?

Ähnlich wie bei der Frage davor, geht es meistens nicht einfach nur darum heraus zu finden, ob sich die einzelnen Menschen untereinander kennen, sondern auch, ob man ein Gefühl von Konkurrenz empfindet, sich miteinander vergleicht oder alles in allem die andere Beziehung geheim und verborgen hält. Ganz nach dem Motto: Don’t ask, don’t tell. Ganz so funktioniert das leider nicht. Ehrlichkeit und Vertrauen sind hier genau so wichtig wie in jeder anderen Beziehung auch. Das mysteriöse Misstrauen gegenüber der unbekannten Person verflüchtigt sich auch aus Erfahrung genau dann, wenn es de-mystifiziert wird und man einander kennenlernt. Es ist schön zu merken, dass die andere Person in der Regel nicht vor hat meine Rolle zu ersetzen, mich zu verdrängen oder platt gesagt, mir nichts böses will. Im Gegenteil, es kann sogar sehr schön sein zu merken, dass ich meine Begeisterung für meine Partner*innen mit einer anderen Person teilen kann. In dem Sinne: Meine Partner*innen wissen voneinander, sie mögen sich sogar sehr gerne und wir machen regelmäßig Poly Familien Treffen/Ausflüge.

Anders gefragt: War es für dich schwer die Partner*innen deiner Beziehung kennenzulernen? Teilt ihr viel aus der jeweils anderen Beziehung miteinander?

Kriegst du das zeitlich überhaupt hin?

Diese Frage lässt sich schnell beantwortet: Natürlich kriege ich das zeitlich hin, sonst könnte ich keine zwei Beziehungen gleichzeitig führen. In meiner Wahrnehmung geht es bei dieser Frage häufig um „genug“ Zeit. Wie kannst du genug Zeit für alles haben, wenn du mehrere Beziehungen gleichzeitig führst? Dabei schwebt in erster Linie die Angst im Raum, dass bei mehreren Partner*innen automatisch die quality time mit einer von diesen Personen zu kurz kommt. Mehrere Beziehungen müssen nicht automatisch bedeuten, dass ich mich immer zwischen zwei oder mehr Personen entscheiden muss und immer vor einer Auswahlsituation stehe. Ich finde es macht Situationen erheblich einfacher, wenn sich alle miteinander verstehen und manche Aktivitäten gemeinsam als Poly Familie stattfinden können. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass die einzelnen Beziehungen nicht zu kurz kommen und hin und wieder Dates ausgemacht werden, um Zeit zu zweit verbringen zu können. Letzen Endes ist es wichtig zwei Dinge nicht zu vergessen. Erstens haben Menschen auch andere Dinge in ihrem Leben die ihnen wichtig sind, wie Freund*innen, ihr WG-Leben, Sport, Zeit für sich, etc. Und diese Dinge kosten auch Zeit. Selbst wenn ich eine geschlossene Monobeziehung führen würde, würde es nicht bedeuten, dass ich mehr Zeit für meine Beziehung hätte, als ich sie jetzt habe. Zweitens musste ich lernen, dass Flexibilität ungemein wichtig ist und mehr zeitliche Freiräume schafft als gedacht.

Anders gefragt: Wie kriegst du es hin deine Zeit gut zu managen? Hast du bestimmte Strategien? Fällt es dir zeitlich schwerer mit mehreren Beziehungen  alles unter einen Hut zu kriegen?

Schlaft ihr alle miteinander?

Davon abgesehen, dass nicht jeder Mensch gerne und viel und zu jedem Zeitpunkt über sein Sexleben spricht, liegt dieser Frage ein grundsätzliches Missverständnis von dem Wort Polyamorie zu Grunde. Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort polýs „viele, mehrere“ und dem lateinischen Wort amor „Liebe“ zusammen. Sexuelles Begehren spielt an dieser Stelle noch keine Rolle, es geht ausschließlich darum mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Wie einzelne Menschen ihre Polybeziehungen gestalten, ob sie körperliches Interesse aneinander haben oder gar keins, ob sie alle gleichzeitig miteinander schlafen oder sich nur zum kuscheln treffen, ob sie ausschließlich mit einer Person Sex haben oder regelmäßig mit vielen die nichts mit den Liebesbeziehungen zu tun haben, kann eine komplizierte Frage sein. Jedoch hat sie in erster Linie nichts damit zu tun, dass Menschen Polybeziehungen führen. Polybeziehungen können genau so offen oder geschlossen sein, wie alle anderen Beziehungen auch. Sie implizieren nämlich zu keinem Zeitpunkt, eine größere Bereitschaft wilde Sex Orgien mit Menschen zu veranstalten die einem nahe stehen.

Also hast du wohl andauernd Sex mit vielen unterschiedlichen Menschen?

siehe Frage davor

Gibt es eine Hierarchie zwischen den Beziehungen?

Es gibt viele Beziehungen, die Wert darauf legen ihre Beziehungen nach „primär (primary)“ und „sekundär (sekundary)“ zu unterscheiden. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Manchen fällt es so einfacher ihre Zeit und Ressourcen zu managen, andere teilen vielleicht die Verantwortung für Kinder mit ihrer primären Beziehung und wieder andere wollen, dass ihre Beziehung durch die Bezeichnung „primär“ etwas besonderes bleibt.

Die Unterscheidung kann sinnvoll sein, wenn sie sich von alleine so ergibt und fügt. Wenn sich die Beziehung also als sekundäre etabliert, ohne, dass ich von Anfang an versucht habe eine Beziehung in ihrer Entstehungsphase in eine fertige Vorstellung von sekundär und primär zu stecken. Die Gefahr liegt für mich allerdings darin, dass primary und secondary von sich aus implizieren, dass etwas an erster Stelle kommt und etwas an zweiter. Das kann zur Folge haben, dass sich Menschen als weniger gleichwertig fühlen und nicht nur eine Hierarchie im Sinne von Zeit und Ressourcenmanagement stattfindet, sondern auch eine Hierarchisierung von Menschen und deren Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen. Ich bevorzuge es Beziehungen individuell zu gestalten, ohne dabei Begriffe wie primary und secondary zu benutzen. Beziehungen sind von Grund auf unterschiedlich und lassen sich in meinen Augen nicht miteinander vergleichen oder gegeneinander Abwegen. Nur, weil ich eine Beziehung seit 5 Jahren führe und eine andere seit einem Jahr, bedeutet das nicht „wer zuerst kommt, malt zuerst“. Die beiden wichtigsten Pfeiler sind an dieser Stelle wohl Transparenz und Ehrlichkeit. Insbesondere ist es wichtig sich folgende Fragen zu stellen: Welche Wünsche und Erwartungen stehen für die andere Person hinter dem Konzept secondary partner? Wie viele meiner Bedürfnisse können und werden in so einer Form von Beziehung erfüllt werden? Besteht die Möglichkeit, dass ich jemals ein primary partner werden kann (wenn ich das möchte)?

Mit wem fährst du in den Urlaub?

Ich fahre zum Beispiel sehr gerne mit meinen Partner*innen jeweils alleine in den Urlaub, weil ich es genieße mich auf eine Person konzentrieren zu können. Gleichzeitig ist es auch wichtig für uns alle, wenn wir von Zeit zu Zeit gemeinsam wegfahren. Das Gefühl dabei ist ein komplett anderes und die Intention dahinter auch, aber das macht es nicht weniger schön.

Das besondere am Urlaub ist wohl, dass eine Situation geschaffen wird, in der man unter Umständen längere Zeit, ausschließlich mit einer Person verbringen. Man schafft einen über den Alltag hinaus gehenden Moment der Zweisamkeit und somit entsteht eine kurze Monogamieblase, die sonst nicht vorhanden ist. Urlaub kann dementsprechend ein schwieriges Thema sein und unterschiedliche Konflikte und Schwierigkeiten mit sich bringen. Für mich waren bislang die Urlaubsziele schwierig, die ich auch mit der jeweils anderen Person besuchen wollte, aber keine Zeit oder kein Geld hatte. Die Auseinandersetzung mit dem Gefühl von Neid kann dabei ziemlich unangenehm sein.

Redet ihr über/Habt ihr Safer Sex?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass innerhalb von queeren Szenen allgemein sehr wenig und sehr selten über Safer Sex geredet wird. Dabei ist es besonders in queeren Polybeziehungen umso wichtiger darüber zu reden, weil man potenziell die Verantwortung für mehr als eine weitere Person trägt. Wenn ich mit meiner Partnerin schlafe und ihr eine Infektion übertrage und sie wiederum mit ihrer Partnerin Sex hat und ihre Partnerin einen One-Night-Stand mit einer Partybekanntschaft hat, dann bin nicht nur ich von der Infektion betroffen, sondern mindestens 3 weitere Personen.

Polybeziehungen implizieren nicht automatisch einen vernünftigeren Umgang mit Safer Sex, aber sie implizieren eine Verantwortung, die in der Regel über eine zweite Person hinaus gehen kann. Und diese Verantwortung sollte nicht unterschätzt oder ignoriert werden.

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2 Gedanken zu “FAQ Polybeziehungen

  1. leser*in

    Danke für die Sammlung! Ich mag vor allem, dass sie so leicht zugänglich und offen geschrieben ist.
    Eine Frage, die ich oft gefragt wurde, als ich eine poly-Beziehung geführt habe, ist:
    Hast du nicht Angst, dass dich dein*e Partner*in für jemand anderen verlässt?
    Ich hatte in Poly-Beziehungen tatsächlich mehr Angst, verlassen zu werden, aber das hatte weniger mit der Beziehungskonstellation an sich zu tun, als mit anderen Dingen, die in der Beziehung falsch liefen bzw. mit meinen eigenen Ängsten. Und: Das kann mir auch in Mono-Beziehungen passieren. Mein*e Partner*in kann schließlich machen, was sie*er will und ich kann das nicht beeinflussen. Vielleicht sind Poly-Beziehungen sogar flexibler, wenn eine neue Person auf der Bildfläche erscheint, weil es mehr Raum für Reflektion und Verhandlungen gibt. Andere Faktoren haben meine Poly-Beziehungen aber auch wieder instabiler gemacht. Es ist also wirklich eher eine Angst, die komplexe Ursachen hat, als eine Eigenschaft von Poly.

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  2. Danke für deine Ergänzung!
    Ich hatte bis jetzt immer das Gefühl, dass je mehr ich mit meinern Partner*innen geteilt habe und je offener Dinge kommuniziert wurden, ich mich umso sicher gefühlt habe. Da ist bei mir also genau der umgekehrte Effekt eingetreten 😉 Ich seh das ähnlich. Ich glaube nicht, dass es etwas mit Polybeziehungen zu tun hat und würde sagen, dass Polybeziehungen tatsächlich mehr Raum geben, um Dinge transparent zu machen und auszuhandeln.

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