Grenzen. Embrace the power of No.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich eine für mich sehr bahnbrechende Erkenntnis. Eigentlich waren es mehrere bahnbrechende Erkenntnisse. Das meiste davon hatte unmittelbar mit einem Podcast über Boundaries: a conversation with Hilary Nunes auf dem Sender Carnalcopia zu tun. Dieses 1-stündige Gespräch über Grenzen hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben ein Stück weit verändert. So pathetisch das jetzt klingen mag, ich will euch erklären wieso es eigentlich ganz einfach war.

Es gab Zeitpunkten in meinen Beziehungen – und es gibt sie immer und immer wieder – wo ich mich selbst noch nicht gut genug kannte, um abschätzen zu können, wo eigentlich meine Bedürfnisse und die damit verbundenen Grenzen lagen. Und selbst als ich es dann wusste, habe ich mich nicht immer getraut sie zu äußern. Klar, zum Teil lag es daran, dass ich nicht genau wusste was ich eigentlich will, aber zum größten Teil ging es bei mir um zwei grundlegende Ängste:

  1.  Mein Bedürfnis könnte sich so sehr von dem meiner Partner*innen unterscheiden, dass ich meine Beziehung riskiere
  2. Die andere Person respektiert nicht meine Grenzen/belächelt mich/versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen etc. und dann fühle ich mich zurückgewiesen, abgelehnt oder nicht ernst genommen

Was tun also? Ich habe es mir in den meisten Fällen sehr einfach gemacht. Das Unbehagen für mich zu behalten schien einfacher als zu kommunizieren, was denn mein eigenes Bedürfnis ist – und noch dazu war es Risikofreier.

Ich habe mir zum Beispiel lange Zeit nicht eingestehen wollen (da hat es also an Ehrlichkeit zu mir selbst und zu andere gefehlt), dass ich auch andere Menschen auf dieser Welt außerhalb meiner Beziehung(en) attraktiv und sexuelle anziehend finde und der Rest der Welt unter einem magischen Deckmantel verschwindet. Es war also ein bisschen wie ein doppelter Schlag ins Gesicht als meine Beziehungsperson damals eine geöffnete Beziehung probieren wollte. Ich war hauptsächlich enttäuscht von mir selbst, aber die Enttäuschung hat sich damals in Form von Wut, Traurigkeit und Verlustängsten gegenüber der anderen Person geäußert, schließlich war es einfacher negative Gefühle auf andere zu projizieren als die Ursache des Ganzen bei mir selbst zu suchen.

Die unmittelbare Konsequenz aus meinem scheinbar einfachen Weg: Ich habe angefangen zu zweifeln. Und zwar nicht nur an mir und mit welcher Intention ich eigentlich Dinge mache, sondern auch an anderen Menschen. Von mir habe ich auf andere geschlossen und mich gefragt, ob Menschen gerade wirklich das wollen was sie sagen. Wie kann ich auch ein „Ja“ wertschätzen, wenn ich immer wieder in Frage stelle, dass es eben so gut ein „Nein“ sein könnte. Eigentlich hatte ich im Grunde genommen Angst vor der Konsequenz aus einem „Nein“. Was hab ich also gemacht?

Ich musste meine Logik komplett umstellen. Anstatt mich darauf zu fixieren, dass „Ja“ etwas positives und „Nein“ etwas negatives ist, habe ich, vorallem seitdem ich das erste mal den Beitrag über Boundaries gehört habe, folgendes gelernt: Wenn ich weiß, dass Menschen bewusst und selbstsicher zu Dingen „Nein“ sagen können, kann ich ihr „Ja“ viel mehr wertschätzen. Embrace the power of No. Anstatt mich von einem „Nein“ abschrecken zu lesen oder das Gefühl zu haben Ablehnung und Zurückweisung zu erfahren, versuche ich es aus einer anderen Perspektive zu sehen – auch wenn es mir immer wieder schwer fällt mich von dem Gefühl von Zurückweisung zu distanzieren, weil das starke Emotionen in mir hervor ruft. Je mehr ich weiß, was Menschen wollen oder nicht, umso schöner und sicherer fühlt es sich an, umso sicherer fühle ich mich in der Beziehung. Grenzen fühlen sich gut an, weil ich weiß was sich gut anfühlt für andere und ich kann entscheiden, wie ich darauf Rücksicht nehmen will oder nicht.  Grenzen helfen mir mich zu verstehen und ich bin der Meinung, dass sie auch anderen helfen mich besser zu verstehen. Klar, ich kann sie komplett über Bord werfen und genau das Gegenteil von allem machen. Genau so gut kann ich versuchen rücksichtsvoll und umsichtig mit den Grenzen anderer Menschen umzugehen und sie nicht mit Füßen zu treten. Schließlich bin ich nicht in Beziehungen mit Personen die mir unwichtig sind, wieso sollte ich sie bewusst mit meinen Handlungen verletzen? So lerne ich mich also kennen. Eine meiner Beziehungspersonen hat sehr schön gesagt, dass es logischerweise schwierig ist anderen näher zu kommen, weil man sich öffnet und dadurch komplett auf sich selbst zurück geworfen wird. Je näher ich jemandem komme, umso näher komme ich mir selbst und klar kann das beängstigend und schwer sein und Dinge hervor holen die tief in mir lauern.

So musste ich also über mich lernen, dass ich starke Verlustängste habe die Form von Beziehungen zu verlieren die ich führe. Aus Angst das zu „verlieren“ habe ich Bedürfnisse nach hinten gestellt oder sie gar nicht erst zugelassen. Zum einen ist es glaube ich absurd, weil ich damit meinen Beziehungspersonen unterstelle, dass sie damit nicht klar kommen würden und die Angst berechtigt ist und zum anderen erachte ich mich selbst und meine Bedürfnisse als nicht wertvoll genug, dass ich sie so sehr als Priorität setze und es unabdingbar ist sie anzusprechen. Nachdem ich also vor einigen Tagen zum gefühlt zehnten Mal den Beitrag über Boundaries angehört habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass alle meine Emotionen und Bedürfnisse eine Daseinsberechtigung haben, ob sie erfüllt werden können oder ob es gut oder schlecht ist ihnen nachzugehen ist in erster Linie unwichtig. Aber ich glaube, dass es wichtig ist Dinge erst einmal ansprechen zu können und darüber zu reden.

Grenzen und Bedürfnisse können sich aber logischerweise auch verändern. Was ich vor fünf Jahren wollte ist vielleicht nicht mehr das gleiche was ich jetzt will. Es ist sogar ziemlich sicher nicht das gleiche. Zum Teil wollte ich sogar meine Grenzen bewusst verändern. Ich wollte irgendwann keine monogame Beziehung mehr haben und was für mich damals als „Betrug“ und Grenze schien, wurde plötzlich ehrlich gelebte Realität. Sex, Liebe, Körperlichkeiten, Zuneigung, etc. mit Menschen außerhalb meiner einzigen Beziehung, waren auf einmal kein Tabu mehr und auch keine Grenze, ich wollte sie bewusst verschieben und verändern, weil es sich wichtig und richtig angefühlt hat. Gut oder einfach hat es sich nicht im ersten Moment angefühlt und ich habe lange gebraucht, um mich in dem neunen Konstrukt sicher zu fühlen, aber nur weil es sich im ersten Moment scheiße anfühlt und vielleicht weh tut, heißt es nicht, dass es in Zukunft auch noch so bleibt.

Letzten Endes war es für mich irgendwie wichtig, mich auf einen Prozess einzulassen der nicht von heute auf morgen funktioniert hätte und Zeit und Geduld in Anspruch genommen hat. Eine gute Metapher dafür sind die Lauferlebnisse einer meiner Partnerin. Sie geht gerne regelmäßig 8-10 km joggen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie einfach so von heute auf morgen einen Halb-Marathon (21km) laufen könnte. Ihre physische Grenze liegt also bei 10 km, da sie aber gerne einen Halb-Marathon laufen wollte, hat sie angefangen sich darauf vorzubereiten und ihre Grenze hat sich verändert. Ihr Bedürfnis hat sich verändert, sie hat sich auf den Prozess der Veränderung eingelassen und damit hat sich auch eine neue Grenze entwickelt. Nächstes Jahr oder in zwei Jahren kann es eben wieder eine komplett andere Grenze sein.

Ich glaube, dass nicht alles durch Kommunikation gelöst werden kann, manche Dinge lassen sich so häufig besprechen bis es nicht mehr weiter geht und Kommunikation nur ermüdend ist und man sich im Kreis dreht. Ich glaube aber auch, und das ist zumindest mir wichtig geworden, dass es sich gut anfühlt eine Atmosphäre in meinen Beziehungen zu schaffen, in der es erst einmal gut ist Dinge anzusprechen. Was damit dann passiert und welche Emotionen das hervor holt ist eine andere Sache, aber ich möchte mich darum bemühen und meine Partner*innen dazu ermuntern ehrlich mit mir und ehrlich mit sich selbst zu sein. Das bedeutet, dass ich versuche wertschätzend mit Gefühlen und Gedanken anderer umzugehen und ihnen von meiner Seite (so gut ich kann) ein sicheres und aufgehobenes Gefühl zu vermitteln.

Das war Teil drei meiner Kommunikationsstrecke. Hier findet ihr die beiden anderen Beiträge:

Was heißt Sex? Ehrlichkeit? Betrug? fummeln? flirten? allein sein?.. Über die Notwendigkeit von Definitionen.

Das kleine 1×1 der Kommunikation..und wieso ist das eigentlich so verdammt schwer?

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Ein Gedanke zu “Grenzen. Embrace the power of No.

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