Warum ist Eifersucht gut und wie kann ich damit umgehen?

Dieser Eintrag wird alles andere als theoretisch. Ich kann ihn nur schwer mit einer gewissen Distanz verfassen, weil das Thema immer und immer wieder eine große Herausforderung für mich darstellt. Ich verbinde mit Eifersucht viele unterschiedliche Emotionen. Die meisten davon sind negativ, das kann ich nicht leugnen, aber ich möchte euch gerne erklären, wieso es auch durchaus und vielleicht sogar in erster Linie etwas positives hat.

Wenn ich an Eifersucht denke, dann denke ich vorallem an schmerzvolle Situationen. Ich erinnere mich so zum Beispiel an die Zeit, in der meine Partnerin und ich unsere geschlossene, romantische Zweierbeziehung (RZB) zu einer geöffneten Beziehung veränderten. Ich kann mich gut an den Schmerz erinnern, an die Trauer und das Gefühl, dass mein komplettes Weltbild einmal Kopf steht. Ich kann mich auch gut erinnern, dass ich die ganze Zeit dachte, dass ich das nicht empfinden darf. Wieso sollte ich auch, wenn ich die Person liebe und möchte, dass sie glücklich ist? Wieso kann ich das nicht? Wieso bin ich dazu nicht in der Lage? Das waren alles Fragen, die mir immer und immer wieder im Kopf herum gingen. Ich konnte den Schmerz und die Trauer nicht so richtig zulassen, aber trotzdem habe ich gelitten. Ich habe so sehr gelitten, dass ich zum Teil auf dem Boden lag, geweint hab und mich vor lauter Herzschmerz und Trauer nicht mehr bewegen konnte.

Ich weiß ganz genau, dass es nicht darum geht, dass meine Partner*innen einen Menschen finden, der besser zu ihnen passt, spannender ist, großartigeren Sex mit ihnen hat etc. Mir ist durchaus bewusst, dass es meistens keine realen Gefahren sind, trotzdem fühle ich sie sehr bewusst. Genau das macht es für mich so schwer die Gefühle zuzulassen. Die ersten Bücher und „Ratgeber“ die ich zu diesem Thema gelesen habe, haben mir alle vermittelt, dass es schlecht ist, dass ich das fühle und sie mir allesamt helfen wollen dieses Gefühl zu überwinden. Selbst jetzt, wenn ich nach Büchern zum Thema“Eifersucht“ suche, schreiben viele davon „Eifersucht überwinden“, Eifersucht auflösen“, „Eifersucht: Bewältigungsstrategien“etc. Eifersucht ist also häufig als etwas schlecht und ablehnenswertes gesehen. Vielleicht will ich Eifersucht aber auch gar nicht „überwinden“, vielleicht will ich viel mehr lernen mit ihr in einem friedlichen Miteinander zu leben und sie als Teil meiner großen, großen Gefühlswelt zu sehen. Wieso muss Eifersucht auch von Anfang an als etwas per se negatives gesehen werden? Kann es nicht auch erst einmal ohne das Label „negativ“ gelten? Ich denke schon!

Während meiner Auseinandersetzung mit mir selbst (und unzähligen aufschlussreichen Blogs, Online Artikeln und Büchern), ist mir immer klarer geworden, dass Eifersucht nicht nur eine Störung meines behutsamen Alltags ist, sondern auch als Aufstörung oder eine Art Antrieb funktioniert. Sie deutet darauf hin, dass mir eine Beziehung, welcher Art auch immer,  wichtig ist. Letzten Endes ist es also irgendwie ein Mechanismus, um die Art von Beziehung zu beschützen die ich habe,  mit dem Ziel sie Aufrecht zu erhalten. Was für ein komplexes Gebilde steht also hinter Eifersucht?

Ich stelle es mir gerne – auch wenn es ein bisschen kitschig ist – folgendermaßen vor: IMG_1405.jpg

Ich glaube, dass ihr trotz meiner miserablen Zeichenkünste erkennen könnt, was es darstellen soll: einen Eisberg. Eifersucht ist sozusagen bildlich gesprochen der Gipfel des Eisbergs. Er deutet zwar an, was unter ihm lauert, aber auf den ersten Blick zieht man nur die Spitze, somit empfinde ich zunächst das Gefühl von Eifersucht. Darunter liegen all die unterschiedlichen, mehr oder weniger offensichtlichen Gefühle, die mich unmittelbar zu mir selbst führen. Durch all den Schmerz bin ich letzten Endes gezwungen mich mit mir selbst auseinander zu setzen und auf große Entdeckungsreise in die Tiefen meiner Gefühlswelt einzutauchen. Was ich dort finde? Viele, viele Ängste. Unter anderem auch Wut, hauptsächlich auf mich selbst und immer wieder Trauer und Traurigkeit. Ich empfand dabei den Artikel „What are you experiencing when you are jeaulous?“ von Kathy Labriola als sehr, sehr hilfreich (selbst wenn er zum Teil heteronormativ ist), weil er mir geholfen hat Eifersucht innerhalb dieser drei sehr dominanten, negativen Emotionen zu verstehen : Wut, Trauer und Angst. Ich finde es total hilfreich, wenn ich meine Emotionen strukturieren kann und sie sich nicht wie ein diffuser, großer, unüberwindbarer Knoten anfühlen. So werden sie greifbarer und realer und ich kann daran arbeiten und mich verändern, wenn ich das möchte. Die drei Emotionen sind jedoch auch wieder „nur“ Unterkategorien und es hilft mir häufig so klar wie möglich zu definieren, was ich eigentlich fühle. Dabei kann es von einem Gefühl von Ohnmacht, über Depressionen und Hilflosigkeit, bis hin zu Verlustängsten, der Angst vor Einsamkeit, Schwindelgefühlen, Motivationslosigkeit und Bauchkrämpfen etc. reichen. Kathy Labriola schlägt außerdem vor einen jealousy pie zu zeichnen, der einem verdeutlichen soll, ob und welche der drei Emotionen vordergründig zum Vorschein kommen. Das kann folgendermaßen aussehen:

IMG_1406.jpg

Wichtig Fragen wären in meinem Fall:

1.) Wovor habe ich Angst?

2.) Wie wahrscheinlich ist es, dass sich meine Ängste bewahrheiten?

3.) Wie gehe ich damit um, wenn sie sich bewahrheiten? Was kann ich tun, um mich um mich selbst zu kümmern? Was brauche ich?

Der letzte Punkt ist besonders wichtig, weil das eigentlich der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Transformation ist. Ich kann nicht besser mit Situationen umgehen, wenn ich nicht weiß was ich brauche, um damit umzugehen. Was fühlt sich gut an? Was kann ich machen, um self care zu betreiben? Mir hilft es zum Beispiel mir schöne Dinge vorzunehmen, wenn mich Situationen verunsichern. Ich muss nicht den ganzen Abend zu Hause sitzen und mich gewissermaßen zwingen das Gefühl durchzustehen und auszuhalten, wenn eine meiner Beziehungspersonen gerade auf einem Date ist. Es ist auch okay  und sogar sehr schön mir eine schöne Abendgestaltung zu überlegen und gegebenenfalls Freund*innen um Unterstützung zu bitten. Ich muss nicht alleine irgendetwas durchstehen, das fällt unter den Punkt „nicht zu hart zu sich selbst sein“, auf den ich etwas später eingehen werde. Manchmal ist es auch schön sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass viele meiner Vorstellungen von Liebe und Beziehungen von einer heteronormativen Gesellschaft geprägt sind. Es macht total Sinn, dass ich eifersüchtig werde, wenn mir beinahe jeder Film und jedes Buch, was ich in meiner Jugend gelesen und gesehen habe, suggeriert, dass jede Beziehung aus zwei Menschen besteht und jegliche Form von Interesse, das über Freundschaft hinaus geht, als verwerflich und problematisch dargestellt wird. Wir lernen, dass Menschen nur das Interesse an anderen Menschen entwickeln, wenn sie unzufrieden sind in ihrer Beziehung und ihre*n Partner*in nicht mehr begehren. Dass das nicht zwangsläufig stimmt, ist schwer zu realisieren, wenn ich die meiste Zeit meines Lebens diese Dinge nicht in Frage gestellt habe. In welchem Film kriege ich auch zu hören: „Warte, lass dich nicht von diesem Film beeinflussen, du kannst immer noch selbst entscheiden was du unter Eifersucht verstehst“ oder „Kinder, das ist nur eine Form von Beziehung, da draußen gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Husch, husch“. Es gibt weniger role models für Polybeziehungen in Filmen/Büchern/Zeitschriften etc. und so erscheint es mir auch logisch, dass es nicht einfach ist seine eigenen Regeln, Grenzen, Strukturen und Bedürfnisse, außerhalb einer geschlossenen Monomanen Beziehung zu finden. Das kostet viel Energie und Zeit und manchmal bin ich dabei schon aus allen Wolken gefallen, weil meine Beziehung doch nicht so unveränderter schien wie ich dachte.

Ich habe für mich vor nicht all zu langer Zeit gelernt, dass es vollkommen okay ist zu trauern, leiden und all den Schmerz zu empfinden, der mit dem Gefühl von Eifersucht in Erscheinung tritt. Daran ist nichts verwerfliches oder schlechtes. Besonders realistisch ist es auch, dass ich als Person in einer Polybeziehung und zwei offenen Beziehungen, trotzdem auch immer wieder eifersüchtig bin. Ich bin nicht immun dagegen, ich bin genau so wie andere Menschen auf dieser Welt manchmal unsicher und manchmal auch besonders empfindsam für gewisse Situationen und ich will mich dafür nicht schämen müssen. Mir ist es jedoch auch wichtig geworden, dass ich mich nicht von der(n) Emotion(en) überwältigen lasse. Eifersucht kann so kompliziert sein und einen im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen überrollen, aber ich mache mir immer wieder bewusst, dass ich immer noch die Kontrolle über meine Handlungen habe und an bestimmten Sachen arbeiten kann, wenn ich es denn will. Um diesen Eintrag allerdings nicht ins Unendliche auszuweiten, schreibe ich darüber in  „Why is jealousy good Part 2“. Ich will außerdem gerne (m)einen Umgang mit Eifersucht mit euch teilen, auf self care und auf die Fragen „Was, wenn mich Situationen von früher triggern? und „Was hat eigentlich Eifersucht mit Vertrauen zu tun?“ eingehen.

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4 Gedanken zu “Warum ist Eifersucht gut und wie kann ich damit umgehen?

  1. Namenlos

    Hallo!
    ich wollte mich kurz bedanken. Dein Blog hat mir sehr geholfen meine Eifersucht in einem neuen Licht zu sehen, dadurch war es mir möglich meine Gefühle klar zu formulieren und Dinge die mich emotional belastet haben auszusprechen. Ich freue mich auf weitere Texte 😀
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. nordwin

    Hallo.
    Ich bin,sozusagen, auf Deinen Blog gestoßen worden und dafür sehr dankbar. Du hast wirklich eine sehr gute Sicht auf viele Zusammenhänge und bringst für mich Licht und Ordnung in den Schmerz und mein Gefühlsleben. Ich weiß das noch sehr viel Arbeit vor mir liegt, aber Dein Blog wird mich dabei sicher gut begleiten. Danke dafür!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Micha 🙂 danke für deine wertschätzenden worte, sowas liest sich immer sehr wohltuend! Bald kommt hier ein Beitrag zu einigen Tipps für den Umgang mit Eifersucht, der könnte dich interessieren.

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