Warum oute ich mich nicht?

Mit 13 hat meine Mutter mich zwangsgeoutet. Ich wusste nicht einmal selbst, was oder wen oder wieso ich überhaupt begehre. Vor Sorge über meine Suche nach mir selbst, ist sie in meine Privatsphäre eingedrungen, hat sich meiner Gedanken und Gefühle ermächtigt und mich zur Rede gestellt. Zweifelsohne war das einer der schmerzvollsten Momente meiner Jugend. Ein Moment, den ich heute gerne als „den Bruch“ in unserer Beziehung bezeichne.

Seit diesem Zeitpunkt ist es scheinbar klar, dass ich alles, nur nicht hetero, sein kann. Unzählige Gespräche folgten und Bücher über Bücher über Bücher, immer zu auf der Suche nach mir selbst. Und immer wieder die Frage „Bist du dir sicher, dass du nicht auf „Männer“ stehst?“. Ehrlich gesagt fand ich die Frage schon immer sonderbar. Wie kann ich schon für immer wissen, wen oder was ich begehren werde?

Und dann kam die Frage nach dem Outing. Wem sage ich es? Wem nicht? Wieso sage ich es manchen und anderen nicht? Weil ich Angst vor der Reaktion habe? Oder vor Zurückweisung? Als ich mich mit 15 Jahren schließlich bei meiner damals besten Freundin outete, hatte sie eine Zeit lang Angst mich zu umarmen. Eine andere Freundin hatte Angst, dass wenn ich andere Mädchen zu lange in der Umkleide anschaue, sie vermuten könnten, dass ich auf sie stehe. Wieder eine andere Freundin fragte, ob wir nicht wieder auf „normale“ Partys gehen könnten, nachdem wir ein einziges Mal auf einer Homo Party waren. Woher um alles auf der Welt sollte ich die Sicherheit nehmen, mich vor den Menschen zu outen, die mich schon mein ganzes Leben lang kannten?

Erst war ich zu jung, um mich bei meinen Opas zu outen. „Vielleicht ist es nur eine Phase“, erklang es immer wieder aus dem Mund meiner Mutter. Das hat mich verunsichert. Wie gut kann ich mir selbst überhaupt vertrauen? Als die „Phase“ zu lange angedauert hat, um eine Phase zu sein, war es unnötig mich bei ihnen zu outen. „Sie würden ihren Missmut an deinem Vater und mir auslassen“ hieß es dann. Also gut, so schwieg ich über meine erste Partnerin hinweg und über meine zweite..und…

Jetzt ist es fast 13 Jahre her, mein halbes Leben schweige ich schon darüber hinweg und pflege eine nicht vorhandene Beziehung zu meinen Opas, zu meinem Onkel und meiner Tante und zu dem gesamten Rest der erweiterten Familie. Allen, bis auf meine Eltern. Inzwischen rede ich über Kinder und gemeinsame Zukunftswünsche und Pläne mit meinen Beziehungspersonen. Wie kann ich darüber noch hinweg schweigen? Wie kann ich meine Kinder vor ihren Urgroßeltern verstecken? So tun, als wären es nicht meine Kinder? Ich komme mir ganz klein vor, als ob ich mich verstecke und andere „beschütze“, indem ich mich klein mache, fast schon unsichtbar. Bloß nicht auffallen, bloß nicht entdeckt werden.

Inzwischen ist es einfach zu groß, zu mächtig, um es bzw. mich noch länger zu verstecken.Wie kann ich noch länger über all das hinweg schweigen?

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