Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, war Weihnachten ein großes Fest der Einsamkeit. Während alle meine Freund*innen 3-5 Tage mit Essens- und Geschenk Exzessen verbracht haben, saß ich gelangweilt zu Hause. Hätte ich Hannah Arendts „Jüdische Schriften“ mit 13 Jahren schon gekannt, dann hätte ich wenigstens einen Ausdruck für mein Gefühl gekannt: Außenseiterin. Während Arendt sich in ihren Schriften mit einer fehlenden politischen Identität von Jüd*innen auseinandersetzt, wollte ich mich schlichtweg einfach nicht so ausgeschlossen fühlen.

Mit der Zeit erkannten auch meine Eltern das Problem und fingen an Weihnachten als Mittel zum Zweck zu sehen. Wenn wir sowieso zu Hause feststecken, könnten wir  die Zeit auch gemeinsam verbringen. Als Teenie war ich nicht gerade darüber entzückt, gleich zwei mal in einem Monat mehrere Tage am Stück mit meinen Eltern zu verbringen. Von einem Vorteil meines Jüdisch seins konnte hier also nicht die Rede sein.

Als ich nun älter wurde und anfing Beziehungen zu führen, stelle sich mein Jüdisch sein als gewisser Vorteil heraus. Das Datum an dem Chanukkah jedes Jahr stattfindet, richtet nach dem jüdischen Kalender. Dieser ist wiederum ein Mondkalender, der nach den jeweiligen Mondphasen berechnet wird. Konkret bedeutet das, dass sich das Datum an dem Chanukkah stattfindet von Jahr zu Jahr unterscheidet. Dieses Jahr zum Beispiel findet es vom 25.12.16-01.01.17 und nächstes Jahr dann vom 13.12.17-20.12.17 statt. Ihr könnt euch vorstellen worauf ich hinaus will: Weihnachten und Chanukkah fallen sehr selten auf den gleichen Tag. Folglich hatte ich selten das Problem mich entscheiden zu müssen, wohin ich fahren will, mit wem ich feiern will und wie zur Hölle ich das alles unter einen Hut bringe.

Irgendwann in meinem Leben gab es also einen Punkt, ab dem es sich angefangen hat gut anzufühlen Jüdisch zu sein. Es fühlt sich inzwischen als etwas positives an, nicht wie alle anderen Menschen um mich herum Weihnachten zu feiern. Ich fühle mich nicht mehr wie eine Außenseiterin, sondern vielmehr wie eine Ergänzung. Ich ergänze mich ziemlich gut mit meinen Beziehungspersonen (vielleicht nicht unbedingt dieses Jahr, aber dafür wieder nächstes Jahr;)). So kann ich all meine Beziehungspersonen einladen mit mir Channukah zu feiern, wenn ich das möchte, und mir meine Zeit an Weihnachten immerhin nur zwischen zwei Familien aufzuteilen. Mir ist bewusst, dass Weihnachten von vielen Menschen als großes Manifest auf eine Konsumgesellschaft verstanden wird und viele Menschen alles andere als gerne mit ihren Familie an einem Tisch sitzen möchte. Tatsächlich muss ich sagen, dass ich es trotz allem ganz gerne mag ein paar Tage mit den Familien meiner Beziehungspersonen verbringen zu können, weil ich weiß, dass sie einander viel bedeuten und ich weiß es zu schätzen ein Teil davon sein zu können. Weihnachten und Chanukkah sind für mich, trotz all der Kritik daran, inzwischen auf irgend eine Art und Weise positiv besetzt und zumindest kein Fest der Einsamkeit mehr.

Im übrigen reichen mir auch 1-2 Tage mit meiner Familie und ich weiß immer noch nicht, ob sie wirklich damit klar kommen, dass ich mit zwei Beziehungen, beide noch dazu weiblich gelesen, zu einem jüdischen Feiertag mit der Familie antanze. Eigentlich ist es also in gewisser weise sogar einfacher für mich zu den Familien meiner Beziehungspersonen mitzufahren, weil ich dort zumindest „nur“ in einfacher Weise mit der Norm breche, nämlich als lesbisch gelesenes Paar.

 

 

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