Sollte ich häufiger alleine schlafen?

Als ich noch in einer monogamen Zweierbeziehung war und mit meiner Beziehungsperson zusammen gewohnt habe, hat mich die Frage kaum beschäftigt. Es gab ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Das ließ nicht besonders viel Raum, um sich die Frage zu stellen, ob man in der kommenden Nacht nicht lieber alleine schlafen möchte. Klar, manchmal ist eine Person weg gefahren und man musste gezwungenermaßen alleine schlafen, aber das hatte recht wenig damit zu tun, dass man sich aktiv für eine Nacht alleine entschieden hat.

Als ich in einer zwar immer noch monogamen Beziehung war, wir uns aber dagegen entschieden hatten zusammen zu wohnen, war die Frage schon nahe liegender und doch schliefen wir jede Nacht beieinander. Wieso? Weil es sich einfach schöner angefühlt hat nebeneinander, anstatt alleine zu schlafen. Wir hatten selten das Bedürfnis nicht beieinander zu sein. Ich glaube, dass wir uns auch nicht den Raum dafür gegeben hätten, zu sagen, ob eine Person von uns alleine schlafen möchte. Das war keine Frage die angesprochen wurde, vielleicht auch eine die nicht so richtig okay gewesen wäre?

Seitdem ich Polybeziehungen führe, führe ich auch andere Gespräche über Bedürfnisse. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt. Vielleicht an der Tatsache, dass mehrere Menschen beteiligt sind und alle versuchen aufeinander Rücksicht zu nehmen, indem häufig über Bedürfnisse geredet wird. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich generell, ganz unabhängig von meinen Polybeziehungen, nicht noch einmal an den Punkt kommen will, an dem es okay ist Sachen für selbstverständlich zu halten und jeden Tag von der anderen Person einzufordern. Ich denke, dass es sowohl erleichternd als auch ermüdend sein kann, jeden Tag aufs neue eine scheinbar so kleine Frage zu beantworten: „Möchtest du heute lieber alleine schlafen?“. Erleichternd, weil ich jeden Tag selbstbestimmt entscheiden kann, was sich gut anfühlt und mir niemand diese Entscheidung abnimmt. Ermüdend, weil es einfach ist jeden Tag das gleiche zu tun, ohne sich jeden Tag aufs neue zu fragen, was man eigentlich will. Ich kenne beide Seiten und ich kann beide Seiten gut verstehen.

Der Clou an der ganzen Sachen ist nun, dass ich sehr häufig zu dem Entschluss komme, dass ich kein Bedürfnis danach habe, alleine zu schlafen. Da ich nun mit zwei Personen zusammen bin, die regelmäßig das Bedürfnis haben alleine zu sein oder alleine zu schlafen, frage ich mich, wieso ich viel seltener das Bedürfnis danach habe. Davon abgesehen, dass es sich zum Teil anfühlt wie eine Zurückweisung, wenn ich merke, dass ich lieber beieinander schlafen würde, ist der deutlich schwierigere Part, das Hinterfragen meiner eigenen Bedürfnisse. Bin ich abhängiger von den beiden und will deswegen nicht alleine schlafen? Muss ich das wollen? Ist es komisch, dass ich das nicht will? Weiß man beieinander schlafen mehr zu schätzen, wenn man regelmäßig alleine schläft? 

Ich glaube nicht, dass ich es weniger wertschätze, nur weil es häufig vorkommt, schließlich entscheide ich mich jeden Tag aufs neue dafür. Ich merke jedoch, dass die Pause, auch wenn ich mich nicht dafür entscheiden würde wenn ich die Bestimmerin wäre, dazu beitragen, dass ich die Möglichkeit habe meine Beziehungspersonen zu vermissen. Und ich vermisse Menschen manchmal gern, weil ich dann aktiv merke, wie gerne ich sie eigentlich habe. Durch meine Beziehungen merke ich außerdem, dass ich ein Mensch bin, der nicht viel Zeit alleine braucht. Ich nehme mir gerne hin und wieder Zeit für mich und genieße es sehr, aber ich brauche es nicht häufig, zumindest seltener als meine Beziehungspersonen. Ich würde mich zur Zeit auf einer „Allein-sein-Skala“, wobei 1=ich bin gerne die meiste Zeit allein und 10= ich bin lieber die meiste Zeit unter Menschen ist, auf einer 6 oder 7 sehen. Solche Skalen helfen mir manchmal sehr dabei, meine eigenen Bedürfnisse in Worte zu fassen, vorallem, wenn ich mich im Verhältnis zu anderen Menschen und deren Bedürfnissen setzen kann. Klar, eine Zahl ist ziemlich umaussagekräftig, wenn sie für sich alleine steht. Wenn man jedoch anfängt darüber zu reden, was für einen eigentlich dahinter steht, dann können sie sehr vielsagend sein.

Inzwischen bin ich meistens (außer in Momenten in denen ich sowieso alles an mir hinterfrage) davon überzeugt, dass es vollkommen okay ist, unterschiedliche Bedürfnisse als meine Beziehungspersonen zu haben, solange ich es respektieren und akzeptieren kann, dass mein Bedürfnis nicht alleine zu schlafen, immer mal wieder nicht erfüllt werden kann. Die Frage scheint so klein zu sein und doch spiegelt sie so vieles für mich wieder; die Art und Weise wie über Bedürfnisse geredet wird, was es eigentlich bedeutet Zeit alleine zu verbringen und wessen Bedürfnisse wann vor gehen und erfüllt werden können. Letzten Endes glaube ich, dass so kleine, alltägliche Fragen viele Hinweise darauf geben können, was einem in Beziehungen  wichtig ist und wo man sich selbst verorten würde.

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