Ist es immer besser ehrlich zu sein?

Ich bin vor einigen Tagen über folgendes Zitat aus dem Buch „all about love“ von bell hooks gestolpert:

„Lots of people learn how to lie in childhood. Usually they begin to lie to avoid punishment or to avoid disappointing or hurting an adult. How many of us can vividly recall childhood moments where we courageously practiced the honesty we had been taught to value by our parents, only to find that they did not really mean for us to tell the truth all the time. In far too many cases children are punished in circumstances where they respond with honesty to a question posed by an adult authority figure. It is impressed on their consciousness early on, then, that telling the truth will cause pain. And so they learn that lying is a way to avoid being hurt and hurting others.“

Das Zitat hat einige schwierige Erinnerung wach gerufen. Die Wahrheit zu sagen tut weh. Die Wahrheit zu sagen verletzt. Das sind Gefühle, die ich immer noch zu häufig mit Ehrlichkeit in Verbindung bringe. Ich glaube, dass mir lange Zeit nicht bewusst war, wie schmerzvoll es sein kann die Wahrheit zu sagen – vorallem wenn die Wahrheit dich glücklich macht. Ich kann mich zum Beispiel noch gut daran erinnern, wie ich im Alter von 20 meinen Eltern erzählt habe, dass ich auch mal gerne heiraten würde („Ja, genau Mama, und das obwohl ich lesbisch bin“) und, dass ich es schön fände wenn sie kommen würden. Ich kann mich noch sehr gut an den Gesichtsausdruck meiner Mutter erinnern, die alles andere als entzückt war und an ihre Worte, die alles andere als unehrlich waren. In dem Moment habe ich mir gewünscht, dass sie lügt, dass sie einfach lügt und zumindest so tut, als ob sie sich für mich freut.

Die Wahrheit zu sagen tut weh. Die Wahrheit zu sagen verletzt. 5 Jahre später will ich möglichst wenig mit ihnen teilen, ich hab Angst, dass mich ihre Ehrlichkeit verletzt. Ich will nicht spüren, wie sie sich nicht für mich freuen können wenn ich glücklich bin, ich will nicht traurig sein, wenn ich eigentlich glücklich bin. Das hemmt mich. Ich überlege mir mehrmals, ob ich Dinge mit ihnen teilen will und rechne häufig mit der schlimmsten Antwort, um dem Moment der Verletzbarkeit zuvor zukommen.

Die Angst die Wahrheit zu sagen, begleitet mich also schon seit meiner Kindheit und überträgt sich seitdem nicht nur auf meine Eltern. Es ist nicht nur schwer ehrlich zu anderen Menschen zu sein, es kann manchmal sogar schwerer sein, ehrlich zu sich selbst zu sein. Was will ich eigentlich? Darf ich das wollen? Wie stehe ich dazu? Sind dabei die entscheidenden Fragen. Eigentlich ist es vollkommen absurd, ich kann mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern, zu dem es nicht besser gewesen wäre die Wahrheit zu sagen und doch habe ich mich manchmal dafür entscheiden zu Lügen – aus Angst vor den Konsequenzen, vor Schmerz ,vor Veränderung und vielleicht auch davor das Bild was jemand vor mir hat zu zerstören.

Ehrlich zu sein bedeutet zu sich selbst zu stehen, ohne wenn und aber. Es bedeutet auch klare Grenzen zu setzen und Bedürfnisse zu äußern. Ehrlichkeit bedeutet nicht, dass alles miteinander geteilt werden muss, genau so wenig bedeutet es, dass alles nach dem Motto „don’t ask don’t tell“ verschwiegen und verheimlicht wird. Ich denke, dass es wichtig ist eine Mitte zu finden zwischen beidem.

Folgende Fragen können einem dabei helfen:

Was muss ich wissen, damit ich mich sicher fühle?

Wieso ist es so schwer alles was darüber hinaus geht zu hören?

Würde ich es gerne zu einem späteren Zeitpunkt hören?

Wenn es um Ehrlichkeit geht, dann spielt der Zeitpunkt eine entscheidende Rolle, es geht darum bedacht ehrlich zu sein. Manche wollen gerne mehr Details und Informationen aus ihren Liebesbeziehungen, Play-Dates, One-Night-Stands, ersten Dates, etc. teilen, andere wollen am liebsten nichts oder möglichst wenig darüber hören. Letzteren, und da zähle ich mich zu gewissen Zeitpunkten in meinem Leben dazu, kann es helfen Informationen in kleinen Häppchen zu erhalten. Hilfreich ist es auch, wenn man die Informationen liest und nicht von Angesicht zu Angesicht gesagt bekommt. So hat man mehr Zeit sich mit seinen ersten Gefühlen dazu auseinanderzusetzen, ohne, dass die andere Person unmittelbar davon überrumpelt wird. Das Gefühlschaos braucht manchmal einen kleinen Moment, um sich einzupendeln. Nicht alles was sich im ersten Moment scheiße anfühlt, bleibt auch im zweiten Moment so.

Ich weiß nicht, wie vielen von euch es so geht, dass ihr erst einmal eine positiv besetzten Umgang mit Ehrlichkeit lernen müsst, aber ich zähle mich definitiv dazu. Es war schwer mir einzugestehen, dass ich mich nicht getraut habe in meiner damals geschlossenen Beziehung eine geöffnete Beziehung anzusprechen. Ich wusste genau, was ich eigentlich will, aber ich habe mich einfach nicht getraut. Es kostet zum Teil viel Überwindung und Zeit, ehrlich mit sich selbst zu sein, es führt auch manchmal dazu, das Bild was man von sich selbst hat zu überdenken und ja, es ist manchmal auch (sehr) verletzend die Wahrheit zu hören.

Trotz alle dem fühlt es sich gut an, wenn ich weiß was ich will, wenn ich dazu stehen kann und für mich selbst einstehe. Außerdem weiß ich es sehr zu schätzen, wenn ich die Gewissheit haben kann, dass andere Menschen darauf vertrauen, dass ich mit der Wahrheit klar komme und ihnen das Gefühl vermittle, dass mir die Wahrheit immer lieber ist als ein Trugbild. Ich könnte nicht glücklich werden könnte in einer Beziehung, in der Ehrlichkeit nicht ein Hauptbestandteil ist, um den sich stets bemüht wird. Letzten Endes denke ich, dass es immer besser ist, zu versuchen ehrlich zu sein, auch wenn es vielleicht weh tut und verletzt. Lieber weiß ich woran ich bin und vor welchen Herausforderungen ich stehe, als dass ich davon ausgehe, dass zum Beispiel meine Mitmenschen mit meiner Poly Beziehung klar kommen und sich uneingeschränkt für mich freuen. Lieber konfrontiere ich mich mit den Tatsachen, als mit einem Trugbild, denn wenn das zu Bruch geht, und das tut es meistens, tut es noch mehr weh als die eigentlich Wahrheit.

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Ein Gedanke zu “Ist es immer besser ehrlich zu sein?

  1. Pingback: Was tun, wenn Absprachen nicht eingehalten werden? – POLYPLOM

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