Kenn ihr dieses Gefühl wenn euer Körper mit euch macht was er will? Wenn ihr merkt, dass ihr euch eigentlich gerade anders verhalten wollt, aber nicht könnt, weil ihr euch blockiert fühlt. Ich kenne das ziemlich gut. Meistens erfahre ich dieses Gefühl, wenn ich mich überfordert fühle und in gewisser Weise von einer Situation so dermaßen überrascht werde, dass mein Körper komplett zu macht. Sehr häufig wurde ich in solchen Momenten getriggert. Das bedeutet, dass eine aktuelle Situation mich in ein Gefühl versetzt das mir aus der Vergangenheit schon bekannt ist. Die Gefühle aus der aktuelle und der vergangenen Situation vermischen sich und es ist für mich zunächst unklar, ob ich von der aktuellen Situation überfordert bin oder mich so stark an die vergangene Situation erinnert fühle und mich in das Gefühl von damals überkommt.

Dass ich unter anderem sehr körperlich auf Trigger reagiere, macht es nicht einfacher mit ihnen umzugehen. Ich verliere für eine gewisse Zeit die Kontrolle über meinen Körper, weil er mir durch seine Abwehrreaktion signalisiert, dass er überhaupt nicht gerne an die Herausforderungen und Verletzungen aus der vergangenen Situation erinnert werden will und sie auch gewiss nicht noch einmal erleben möchte. Vor einigen Wochen gab es zum Beispiel die Situation, dass ich mich plötzlich mit einem starken Misstrauensgefühl konfrontiert sah. Ich wusste genau, dass dieses Misstrauensgefühl mit der aktuellen Situation überhaupt nichts zu tun hatte. Meine Beziehungsperson hatte mich noch nie zuvor belogen oder mir in irgend einer Form einen Anlass zum misstrauen gegeben – wieso hätte ich also misstrauisch sein sollen? Ich vertraue ihr vollkommen und doch war ich misstrauisch.

In der Regel halten wir die meisten Absprachen in unserer offenen Beziehung sehr offen, schließlich kann es passieren, dass man einfach mal seine Meinung ändert und doch Lust auf was anderes hat. Situationen können Bedürfnisse formen und bevor ich nicht in einer bestimmten Situation war, weiß ich häufig gar nicht wie weit ich Lust habe mit anderen Menschen zu gehen. Dieses mal war es anders. Zum ersten Mal hat sie den Satz „Ich hab wenn überhaupt nur Lust zu knutschen“ fallen gelassen. Im ersten Moment mochte ich, dass sie weiß was sie will und habe darin eine gewisse Sicherheit verspürt, weil ich wusste was mich potentiell erwartet und was nicht. Je länger ich jedoch über den Satz nachdachte, umso mehr verunsicherte er mich.

Was badetet überhaupt „nur knutschen“ und was wenn sie ihre Meinung ändert? Vielleicht weiß sie selbst gar nicht was sie will? Vielleicht schränkt sie das auch ein? Ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich mich überhaupt auf unsere Absprachen verlassen konnte und wurde misstrauisch. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine unverhältnismäßig starke Reaktion auf eine Situation zeige, die mich in der Regel nicht so stark verunsichern würde. Und so hat dieses Misstrauen zwei konkrete Fragen aufgeworfen:

1.) Woher kommt das Misstrauen?
2.) Was hat das mit meiner Beziehungsperson zu tun?

Nach und nach habe ich mich daran erinnert, dass in meinen ersten Versuchen eine offene Beziehung zu führen, viele Absprachen ziemlich schief gelaufen sind. Wir haben uns Dinge versprochen, um einander ein Gefühl von Sicherheit zu geben und uns selbst dadurch extrem eingeschränkt. Wir haben versucht eine offene Beziehung zu leben, in der es für jeden Atemzug eine Absprache gab. Das hat uns beide stark unter Druck gesetzt unsere Bedürfnisse innerhalb dieser Absprachen zu definieren. Bedürfnisse war nicht mehr flexibel und veränderbar und das führte häufig zu Enttäuschungen und Vertrauensbrüchen, weil wir darauf vertraut haben was die jeweils andere Person gesagt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 1 lautet also: Es erinnert mich an Situationen in denen mir eine andere Person das Gefühl von Sicherheit vermitteln wollte und sich selbst dadurch komplett eingeschränkt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 2 konnte also nur lauten: Ich hatte Angst, dass sie sich einschränkt ohne es zu merken, ich darauf vertraue und dann aus allen Wolken fallen, weil es doch nicht so ist.

Ich finde das Beispiel so treffend, weil es eine vermeintlich kleine Situation sehr groß wirken lässt, allein durch die Tatsache, dass ich mich getriggert gefühlt habe. Es zeigt außerdem, dass nicht zwangsläufig jemand etwas „falsch“ gemacht haben muss, damit es sich falsch anfühlt. Wenn ich mich an vergangenen Situationen erinnert fühle, dann ist das Gefühl erst einmal im Raum. Es schafft eine angespannte Atmosphäre und die ist sehr Wirkungsmächtig. In so einem Moment gibt es zwei Perspektiven auf die Situationen. Zum einen die Perspektive der getriggerten Person und zum anderen diejenigen der Person(en) die den Trigger ausgelöst haben. Demzufolge kann es auch zwei Möglichkeiten geben damit umzugehen. Wenn ich getriggert wurde, versuche ich mir zunächst folgende Fragen zu stellen:

  1. Gab es schon einmal eine ähnliche Situation an die mich die aktuelle Situation erinnert?
  2. Ist/sind die gleiche(n) Person(en) beteiligt?
  3. Was war die Herausforderung/Verletzung in der vergangenen Situation?
  4. Sehe ich Elemente in der jetzigen Situation, die in mir das Gefühl aus der vergangenen Situation hervorrufen?
  5. Was brauche ich gerade, um mich wohl(er) zu fühlen?

Manchmal will ich mich auch nicht sofort mit diesen Fragen beschäftigen. Manchmal will ich mich der Situation gar nicht stellen, sondern einfach in dem Gefühl verweilen oder aufstehen und gehen. Ich verspüre häufig den Impuls einfach aufzustehen und zu gehen, wenn ich getriggert wurde. Es kommt also ganz darauf an, ob und wie ich gerade den Zugang zu mir selbst finde. Ich finde es jedoch wichtig, dass ich diese Fragen früher oder später durchdenke. Es hilft mir dabe zu verstehen, ob irgend etwas hätte anders laufen können. Wer hätte etwas anderes machen können, damit das nicht passiert Letztlich finde ich es auch fair, wenn ich zu irgend einem Zeitpunkte kommunizieren kann, was da gerade passiert ist. Ich will der/den anderen Person(en) nicht das Gefühl vermitteln, dass sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie es gar nicht hat/haben.

Für die Person(en) die triggert(n) ist es schwieriger. Ich empfand es als erleichternd, wenn Menschen mich etwas besser kannten und gewisse körperliche Reaktionen deuten konnten. Einige davon sind zum Beispiel: Ein gesenkter Blick, wenig Augenkontakt, keine bis wenig körperliche Zuneigung oder Nähe, eine gebückte Körperhaltung, eine gesenkte Stimmlage und der Reflex zu fliehen und schnell aus der Situation raus kommen zu wollen. Mir hat es geholfen, wenn meine Reaktion nicht abgetan oder als übertrieben abgestempelt wurde. Ein vorsichtiges Annähern hilft mir häufig. Es kann auch sein, dass ich gar nicht in der Lage bin auf Fragen zu antworten, weil ich selbst nicht weiß was los ist, aber es tut gut zu wissen, dass die andere Person mich unterstützt und versucht einfühlsam für mich da zu sein.

Ich kann nicht erwarten (und will ich auch nicht), dass jemand meine Gefühlslage deutet. Ich weiß, dass das sehr schwierig bis unmöglich ist. Wenn ich jedoch weiß was mich triggert, kann ich andere Menschen darauf vorbereiten wie ich möglicherweise reagieren könnte und von vornherein klar stellen, wie ich auf bestimmte Situationen reagieren kann, ohne, dass diese Menschen notwendigerweise etwas „falsch“ gemacht haben. Meine Beziehungsperson konnte mir nicht das Gefühl von Misstrauen nehmen, weil es nichts mit ihr und ihren Handlungen zu tun hatte. Das Misstrauen ist ein grundsätzliches Misstrauen und kann mir von niemandem genommen werden. Ich kann jedoch dabei unterstützt werden, dass es kleiner wird und vielleicht irgendwann einmal ganz weg ist. Je häufiger ich also positive Erfahrungen mache wenn ich misstrauisch bin, zum Beispiel, weil sich das Misstrauen nicht bewahrheitet, hilft es mir in Zukunft mich an positive, vergangenen Erfahrungen zu erinnern und die negativen Erfahrungen damit in den Hintergrund zu rücken. Ich ergänze quasi die negativen Erfahrungen durch die positiven und führe mich selbst Schritt für Schritt aus diesem Misstrauen heraus.

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