Ich führe zwei Beziehungen. Für mich sind sie die verbindlichsten und intimsten Bindungen in meinem Leben. Manchmal, da vergesse ich, dass es nicht so selbstverständlich normal ist, wie es sich anfühlt. Immer wieder sind Menschen überrascht, dass ich nicht wilde Orgien veranstalte, jede Woche wechselnde Sexualpartner*innen habe oder von einer Kurzzeitbeziehung in die nächste hüpfe. Häufig verbinden Menschen Polyamorie und offene Beziehungen nicht mit Beständigkeit und commitment. Sie werden als ein Abenteuer gesehen, ein kurzer Abstecher in die Welt des zweifelhaft Unkonventionellen und die Alternative von der Norm.

Aktive und Inaktive offene Beziehungen

Deswegen fällt es mir häufig auch schwerer mich ernst genommen zu fühlen. Wenn meine Art und Weise Beziehungen zu führen und zu lieben klein geredet oder bagatellisiert wird, dann fühlt es sich so an, als ob Menschen im Grunde genommen nur darauf warten, dass es bald zu Ende geht und sie aus mir einen lebenden Beweis dafür machen können, dass Polyamorie nicht funktioniert. Dieses Gefühl hatte ich nie, als ich angefangen habe mich für nicht-monogame Beziehungsformen zu öffnen. Ich habe mich verstanden und gesehen gefühlt und in meinen Bedürfnissen durchaus ernst genommen. Zumindest solange ich aktiv offene Beziehungen führe.

Ich sage aktiv, weil es für mich durchaus auch ein inaktiv gibt. Aktiv bedeutet, dass ich jetzt Lust verspüre Menschen zu daten und mich auf zwischenmenschliche Bindungen und Beziehungen jeglicher Art einzulassen. Ich spüre mein Begehren für andere und möchte dem nachgehen. Im Gegensatz dazu befinde ich mich in einer Art Standby Modus, wenn ich von inaktiv rede. Beide verbindet ein für mich wichtiger Grundsatz offener Beziehungen, nämlich die Tatsache, dass Begehren nicht exklusiv ist. Es kann sich jeder Zeit wandeln und verändern. Ich bin der Meinung, dass offene Beziehungen, so unterschiedlich und vielfältig sie auch sein mögen, Begehren zunächst als etwas nicht exklusives anerkennen und begrüßen.

Offen Denken ist nicht gleich offen handeln

Solange ich aktiv offene Beziehungen führe, fühle ich mich als Teil einer polyamoren und offenen Beziehungs community, dort fühle ich mich gesehen und wahrgenommen. Sobald ich in einer Art Monopoly Blase verschwinde und mein Begehren sich für eine kurze oder lange Zeit ausschließlich auf meine Beziehungspersonen richtet, fühle ich mich nicht mehr wahrgenommen. Dann stehe ich wie so oft vor der Frage, wie offen meine offene Beziehung sein muss, damit sie als solche gilt? Ab wann kann man sich als polyamor bezeichnen?

Für mich geht es nicht um die Anzahl der Liebhaber*innen, Dates oder Beziehungen die ich führe. Für mich geht es um die Möglichkeit, dass ich andere Menschen begehren könnte und die Tatsache, dass es nicht als falsch, Betrug oder egoistisch angesehen wird, dass ich dieses Begehren verspüre. Ich habe häufig in meinem Leben das Gefühl gehabt, dass ich mich irgendwie dafür rechtfertigen müsste, dass ich nicht so viele Dates habe wie andere Menschen in offenen Beziehungen und mindestens genau so häufig habe ich mich gefragt, ob ich mein Begehren unterdrücke, weil ich Angst habe, dass sich Beziehungen verkomplizieren könnten.

Letztlich bin ich irgendwann zu dem Entschluss gelangt, dass ich so viel begehre wie ich eben begehre. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und das ist eben meins. Ich finde es vollkommen in Ordnung sich als offene Beziehung zu definieren, selbst wenn man selten das Bedürfnis danach verspürt sie tatsächlich auszuleben. So lange die Möglichkeit besteht, ist es kein Tabu und so lange es kein Tabu ist, ist es ein Teil der Beziehung, der mal mehr und mal weniger eine Rolle spielt. Ich denke, dass es am Ende eine Frage der Offenheit und Ehrlichkeit ist, ob man tatsächlich auf die offenen Beziehungen zu sprechen kommt, wenn sich das eigenen Begehren verändert oder, ob man letzten Endes nur den Titel „offene Beziehung“ hübsch findet.

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